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Harninkontinenz und überaktive Blase

Definition der Harninkontinenz

Die „International Continence Society“ (ICS) definiert Harninkontinenz als Zustand mit jeglichem unwillkürlichem Urinverlust, der ein soziales und hygienisches Problem darstellt.1

Für Betroffene bedeutet die Harninkontinenz eine schwerwiegende Einschränkung ihrer Lebensqualität und Einschränkung innerhalb ihres sozialen Umfelds. So hat die Diagnose auch häufig eine Stigmatisierung zur Folge und kann zu sozialem Rückzug und Isolation führen. Bei Betrachtung der demographischen Bevölkerungsentwicklung und der Zunahme an Patientenzahlen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Morbus Parkinson und demenziellen Syndromen ist davon auszugehen, dass die Anzahl der inkontinenten Menschen weiter steigen wird.

Formen der Harninkontinenz

In Abhängigkeit der Ursachen können verschiedene Formen der Harninkontinenz unterschieden werden:

Belastungsinkontinenz Unwillkürlicher Urinverlust bei körperlicher Belastung, Husten oder schwerem Heben ohne vorausgegangenem Harndrangempfinden
Dranginkontinenz Unwillkürlicher Urinverlust bei gleichzeitigem oder plötzlich vorausgegangenem Drangempfinden
Mischinkontinenz Mischform aus Belastungs- und Dranginkontinenz
Überlaufinkontinenz Unkontrollierbares Überlaufen der Blase aufgrund einer blockierten Harnröhre oder einer schwachen Blasenmuskulatur
Supraspinale und spinale Reflexinkontinenz Verlust der Kontrolle über den Harndrang bzw. die Blasenmuskelfunktion durch eine Störung im Rückenmark oder im Gehirn
Extraurethrale Inkontinenz Urin geht nicht über die Harnröhre, sondern über fehlangelegte oder fehlgebildete Gänge ab, wie beispielsweise bei einem ektop mündenden Harnleiter beim Kind oder iatrogenen Fisteln beim Erwachsenen
Enuresis Nächtliches Einnässen bei Kindern
Nykturie Ein- oder mehrmaliges nächtliches Wasserlassen bei Erwachsenen

 

In den meisten Studien wird die Prävalenz der Harninkontinenz im Bereich von 25-45 Prozent angegeben und erhöht sich mit dem Alter. Im Allgemeinen ist sie bei Frauen dreimal höher als bei Männern. Von den Frauen, die über 70 Jahre alt sind, sind mehr als 40 Prozent betroffen. Die mittlere Inzidenzrate pro Jahr für Harninkontinenz scheint im Bereich von einem bis neun Prozent zu liegen.2

Definition der überaktiven Blase

Die überaktive Blase ist durch einen plötzlich einsetzenden verstärkten Harndrang, meistens einhergehend mit häufigen Miktionen und Nykturie, mit oder ohne Urinverlust charakterisiert, ohne dass ein Harnwegsinfekt oder andere Pathologien des unteren Harntrakts vorliegen.3
Verschiedene Studien in Europa und Nordamerika haben gezeigt, dass die Prävalenz für die überaktive Blase 12–20 Prozent beträgt und mit dem Alter zunimmt.4

Syan und Brucker5 haben basierend auf verschiedenen internationalen Leitlinien folgende Empfehlungen für das Management der Harninkontinenz zusammengefasst:

  • In die Beurteilung sollten die detaillierte Vorgeschichte und Beschreibung der Harninkontinenz einbezogen werden.
  • Die Leitlinien empfehlen bei der Behandlung der Belastungs- und Dranginkontinenz ein schrittweises Vorgehen beginnend mit konservativen Therapien und fortsetzend mit mehr invasiven Methoden, falls notwendig.
  • Die Urodynamik sollte genutzt werden, wenn nach einer fehlgeschlagenen invasiven Behandlung die Harninkontinenz wieder auftritt.

Quellen:

  1. Abrams P, Andersson KE, Birder L et al. Fourth International Consultation on Incontinence Recommendations of the International Scientific Committee: Evaluation and treatment of urinary incontinence, pelvic organ prolapse, and fecal incontinence. Neurourol Urodyn. 2010;29(1):213-40.
  2. Milsom I, Gyhagen M. The prevalence of urinary incontinence. Climacteric. 2019 Jun;22(3):217-222.
  3. Haylen BT, de Ridder D, Freeman RM et al. An International Urogynecological Association (IUGA)/International Continence Society (ICS) joint report on the terminology for female pelvic floor dysfunction. Neurourol Urodyn. 2010;29(1):4-20.
  4. Robinson D, Åkervall S, Wagg A et al. Prevalence and predictors of overactive bladder in nonpregnant nulliparous women below 65 years of age. Int Urogynecol J. 2018 Apr;29(4):531-537.
  5. Syan R, Brucker BM. Guideline of guidelines: urinary incontinence. BJU Int. 2016 Jan;117(1):20-33.