Experten-Stimmen aus der Praxis - Update Leukämie

Hören Sie renommierte Behandler aus dem Bereich der Hämatologie! Nach der Anmeldung für Fachkreise erwarten Sie Erfahrungen aus dem klinischen Alltag und Berichte über die neuen Behandlungsoptionen in der akuten lymphatischen Leukämie, der akuten myeloischen Leukämie und der chronischen myeloischen Leukämie.

PD Dr. Sabine Kayser spricht über ALL
PD Dr. Sabine Kayser, Funktionsoberärztin für Hämatologie, Onkologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg, spricht in dieser Podcast Folge mit uns über aktuelle Therapieoptionen in der rezidivierten/refraktären ALL und berichtet von ihren Behandlungserfahrungen aus der klinischen Praxis.

 

Akute lymphatische Leukämie (ALL)

Definition und Einteilung1,2

Bei einer akuten lymphatischen Leukämie (ALL) entarten unreife Lymphozyten zu leukämischen Blasten. Diese proliferieren unkontrolliert, ohne sich in Lymphozyten zu entwickeln und akkumulieren insbesondere im Knochenmark und Blut. Es können jedoch auch alle anderen lymphatischen und nicht-lymphatischen Organe betroffen sein. Die Lymphoblasten verdrängen das normale blutbildende Knochenmark. Die Folge sind Anämie, Thrombozytopenie und Granulozytopenie.
Die ALL lässt sich in zwei auf dem Immunphänotyp basierende Hauptgruppen unterteilen: Von der B-Zell-ALL sind 75 % der Patienten betroffen, von der T-Zell-ALL 25 Prozent. Die jeweiligen Differenzierungsstufen führen zu einer Unterteilung der Hauptgruppen, die durch spezifische klinische und zytogenetische bzw. molekulargenetische Aberrationen gekennzeichnet ist.
Aufgrund der schlechten Prognose und der Komplexität der Therapie sollte jedes Rezidiv einer ALL als medizinischer Notfall betrachtet werden.

Epidemiologie

  • Die ALL ist eine seltene Krebserkrankung.1,2
    • Die Gesamtinzidenz der ALL liegt bei 1,1/100.000 im Jahr.
  • Es können alle Altersgruppen betroffen sein.1,2
    • Die höchste Inzidenz haben Kinder unter 5 Jahren (5,3/100.000).
    • Die zweithöchste Inzidenz haben Erwachsene über 80 Jahren (2,3/100.000).
  • Insgesamt sind Männer etwas häufiger betroffen als Frauen.1,2
  • Die 5-Jahres-Überlebensrate einer de novo ALL liegt bei 35–50 %.3,4,5,6,7
  • 10–20 Prozent der Patienten mit de novo ALL sind refraktär oder entwickeln mit einem Anteil von 40–50 Prozent ein Rezidiv.3,4,5,8
  • Das Rezidivrisiko ist in den ersten beiden Jahren nach Erreichen einer kompletten Remission am höchsten. In verschiedenen Studien lag das Gesamtüberleben der ALL-Patienten, die ein Rezidiv entwickelten, unter 10 Prozent.9,10

Symptome1,2

Einige Krankheitsanzeichen einer ALL sind eher unspezifisch. Bei Patienten mit einer ALL treten meist verschiedene Symptome innerhalb kurzer Zeit auf und manifestieren sich. Typische Symptome sind:

  • Blässe, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, verminderte Leistungsfähigkeit, Kurzatmigkeit, allgemeine Schwäche und Unwohlsein
  • Appetitverlust und Gewichtsabnahme
  • Blutungen (Petechien, Hämatome, Nasenbluten, verlängerte Blutungen)
  • Infektanfälligkeit, oft mit Fieber einhergehend
  • Gelenk- und Knochenschmerzen
  • Druckgefühl im linken und/oder rechten Oberbauch
  • Selten: neurologische Veränderungen wie Kopfschmerzen, Sensitivitätsstörungen oder Nervenlähmungen

Das klinische Bild ist geprägt durch:

  • Anämie
  • Thrombopenie
  • Leukopenie
  • Leukozytose (60 Prozent der Patienten)
  • Gelenk- und Knochenschmerzen durch die Ausbreitung der Blasten in den Knochen, bei etwa einem Drittel der Patienten (insbesondere bei Kindern)
  • Schwellung bzw. Vergrößerung der Organe des lymphatischen Systems:
    • Lymphknoten (60 Prozent der Patienten)
    • Milz (60 Prozent der Patienten)
    • Leber
    • Thymusdrüse
    • Venen im Halsbereich
  • selten: Befall des Gehirns, des Rückenmarks oder der Hirnhaut (7 Prozent der Patienten)
  • Mediastinaltumor (14 Prozent aller ALL-Patienten, aber 60 Prozent der Patienten mit T-Zell-ALL)

Das Fehlen von Leukozytose, Anämie, Thrombozytopenie oder auch das Fehlen von Blasten im Blut schließen eine ALL nicht aus. Ein Befall anderer Organe (Haut, Schleimhaut, Hoden oder Brust) ist eher selten bei de-novo-ALL, wird jedoch häufiger bei Rezidiven beobachtet.


Quellen

  1. Gökbuget N et al. Onkopedia. Akute lymphatische Leukämie (ALL). https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/akute-lymphatische-leu...@@view/html/index.html
  2. Gökbuget N. Informationszentrum im Kompetenznetz „Akute und chronische Leukämien“. https://www.kompetenznetz-leukaemie.de/content/aerzte/all/
  3. Thota S et al. Eur J Haematol. 2017;98:425–434
  4. Morley NJ et al. Expert Rev Anticancer Ther. 2016;16(2):159–164
  5. George B et al. Immunotherapy. 2016;8(2):135–143
  6. Jabbour E et al. Blood 2015;125(26):4010–4016
  7. Paul S et al. Mayo Clin Proc 2016;91(11):1645–1666
  8. Gökbuget N et al. Blood. 2012;120(9):1868–1876
  9. Fielding AK et al. Blood. 2007;109:944–950
  10. Gökbuget N et al. Blood. 2012;120(10):2032–2041

Chronische myeloische Leukämie (CML)

Definition und Einteilung1,2

Die chronische myeloische Leukämie (CML) ist eine häufige Unterform der myeloproliferativen Neoplasien (MPN). Sie ist nicht erblich. Eine CML ist gekennzeichnet durch eine unkontrollierte Proliferation und Akkumulation von Granulozyten. Nahezu alle Patienten (95 %) mit CML weisen eine zytogenetische Aberration, das Philadelphia- (Ph) Chromosom mit der BCR* -ABL1 -Genfusion, auf.
Typischerweise verläuft eine CML mehrstufig, wobei die Phasen durch eine aufsteigende Blasten-Konzentration im Blut oder Knochenmark gekennzeichnet sind:

  • Chronische Phase
  • Akzelerierte Phase
  • Blastenkrise

Durch Einführung von modernen Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) hat sich insbesondere die chronische Phase therapeutisch angeglichen.

Epidemiologie1,2

  • Die Gesamtinzidenz der CML liegt bei 1,2 bis 1,5/100.000 im Jahr.
  • CML kommt in allen Altersgruppen vor.
    • Die höchste Inzidenz haben Erwachsene im Alter von 55 bis 60 Jahren.
    • Bei Kindern ist die CML sehr selten.
    • Kinder unter drei Jahren erkranken extrem selten.
  • Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.
  • Die jährliche Mortalität von CML-Patienten beträgt ca. 1,7%.

Symptome1,2

Wie bei vielen Leukämieformen sind die Symptome einer CML zum Teil unspezifisch. Zudem entwickeln sich die Symptome sehr langsam. Eine CML wird daher oft als Zufallsbefund entdeckt. Anzeichen für eine CML sind:

  • Blässe, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, verminderte Leistungsfähigkeit, Kurzatmigkeit, allgemeine Schwäche und Unwohlsein
  • depressive Verstimmung
  • Gewichtsverlust
  • Fieber, ohne dass eine Infektion vorliegt
  • Nachtschweiß
  • Druckgefühl im linken Oberbauch (bei fortgeschrittener Erkrankung)

Das klinische Bild ist – je nach Phase – geprägt durch:

  • Anämie
  • Leukozytose
  • Thrombozytose (häufig), aber auch Thrombozytopenie möglich
  • Splenomegalie

* Breakpoint Cluster Region
Gen der Abelson-Tyrosinkinase 1


Quellen

  1. Hochhaus A et al. Onkopedia. Chronisch myeloisch Leukämie (CML). https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/chronische-myeloische-...@@guideline/html/index.html
  2. Gökbuget N. Informationszentrum im Kompetenznetz „Akute und chronische Leukämien“. https://www.kompetenznetz-leukaemie.de/content/aerzte/cml/

Akute myeloische Leukämie (AML)

Definition und Einteilung1,2

Die akute myeloische Leukämie (AML) ist eine Neoplasie der Myelopoese. Sie ist biologisch heterogen, da verschiedene myeloische Zelllinien beteiligt sein können.1,2  Bei AML-Patienten  sind vor allem Alterationen in folgenden funktionellen Gruppen ursächlich für die Erkrankung:3,4,5

  • aktivierende Mutationen der Signaltransduktion (FLT3, KIT, KRAS, NRAS u.a.)
  • Mutationen von myeloischen Transkriptionsfaktoren (RUNX1, CEBPA u.a.)
  • Fusionen von Transkriptionsfaktor-Genen (PML-RARA, MYH11-CBFB u.a.)
  • Mutationen von Chromatin-Modifikatoren (MLL-PTD, ASXL1 u.a.)
  • Mutationen im Kohesin-Komplex (SMC1S u.a.)
  • Spliceosom-Mutationen
  • Mutationen in Tumorsuppressorgenen (TP53, WT1 u.a.)
  • NPM1-Mutationen
  • Mutationen in Genen der DNA-Methylierung (TET1, TET2, IDH1, IDH2, DNMT3B, DNMT1, DNMT3A).

Bei etwa 50 % der Patienten ist nicht nur eine dieser Alterationen nachweisbar, sondern mindestens eine weitere, die meist weniger dominant ist als die „Hauptmutation“. Diese Heterogenität ist vermutlich für das Therapieansprechen bzw. die Entwicklung eines Rezidivs bedeutend.1

Epidemiologie1,2

  • Die Gesamtinzidenz von AML liegt bei 3,7/100.000 im Jahr.
    • Die Inzidenz steigt mit dem Alter: 100/100.000 Einwohner im Jahr bei Patienten im Alter von über 70 Jahren.
  • Die AML ist die häufigste Form akuter Leukämien bei Erwachsenen (> 80 %).
    • Das mediane Alter bei Diagnosestellung liegt bei ca. 65 Jahren.
  • Bei pädiatrischen Leukämiepatienten (bis 15 Jahre) wird nur bei ca. 20 % eine AML diagnostiziert.
  • Unbehandelt führt die AML bei den meisten Patienten innerhalb eines Jahres zum Tode.

Symptome1,2

AML-Patienten können verschiedene – teilweise – unspezifische Symptome entwickeln:

  • Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, Blässe
  • bakterielle Infektionen der Lunge, des Rachens und der Haut
  • systemische Mykosen
  • Petechien, Ekchymosen, Menorrhagien oder Epistaxis

Durch die zunehmende hämatopoetische Insuffizienz infolge der blastären Knochenmarkinfiltration präsentiert sich das klinische Bild mit:

  • Anämie
  • Neutropenie
  • Thrombozytopenie
  • Hyperfibrinolyse
  • Leukozytose bis hin zur Leukostase mit Hypoxie, pulmonalen Verschattungen, retinalen Einblutungen und neurologischen Symptomen
  • Bei der myelomonozytär/monoblastär differenzierten AML: überdurchschnittlich häufig extramedulläre Manifestationen wie Hautinfiltrate, Meningeosis leukaemica, Gingivahyperplasie und Infiltration von Milz und Leber

Quellen

  1. Röllig C et al. Onkopedia. Akute myeloische Leukämie (AML). https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/akute-myeloische-leuka...@@guideline/html/index.html
  2. Gökbuget N. Informationszentrum im Kompetenznetz „Akute und chronische Leukämien“. https://www.kompetenznetz-leukaemie.de/content/aerzte/aml/
  3. Metzeler KH et al. Blood 2016;128:686-698
  4. Papaemmanuil E et al. N Engl J Med 2016;375:900-901
  5. The Cancer Genome Atlas Research Network. N Engl J Med 2013;368:2059-2074

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