Angststörungen

Definition und Einteilung

Angst ist die natürliche Reaktion des Menschen auf Gefahren. Sie äußert sich auf allen Ebenen unseres Verhaltens und Erlebens:1

  • im kognitiven und emotionalen Bereich: dies betrifft Denken, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und gefühlsmäßiges Erleben, z. B. Einengung der Wahrnehmung auf gefahrenrelevante Reize, Einengung des Denkens und Fühlens bei Befürchtungen, selektives Lernen und Erinnern
  • im Verhalten: meist Flucht oder Vermeidung
  • auf der körperlichen Ebene: Alarmreaktionen im sympathischen Nervensystem mit Symptomen wie z. B. Herzrasen, Schwitzen, Beschleunigung des Atmens, Zittern

Angst ist dem Menschen als natürliche Anpassungsleistung mitgegeben und für das Überleben im Sinne der Vermeidung von Gefahren sinnvoll. Die Angststörung ist hingegen ein Komplex verschiedener Krankheitsbilder, denen gemeinsam eine andauernde Störung und Fehlsteuerung des Angst-Stress-Reaktionssystems zugrunde liegt. Bei Angststörungen sind die Angstreaktionen nicht mehr angemessen und führen zu erheblichen Beeinträchtigungen und Belastungen der Betroffenen. Das Problem besteht zudem darin, dass bei Angststörungen die Angst eine Eigendynamik entwickelt, welche die Störung permanent aufrechterhält und letztendlich nichts mehr mit »Realängsten« zu tun hat. Angststörungen haben ein sehr vielfältiges Erscheinungsbild und beeinflussen die Lebensqualität der Patienten in sehr starkem, negativen Maße.1 Zu den häufigsten Angststörungen gehören:2,3

  • Panikstörung: Plötzlich auftretender Angstanfall (Panikattacke), der im Verlauf von ca. 10 Minuten an Intensität zunimmt, begleitet von körperlichen Ausdrucksformen (Herzrasen, unregelmäßiger Herzschlag, Schwitzen, Zittern, Mundtrockenheit, Atemnot, Erstickungsgefühl, Halsenge, Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust, Übelkeit, Bauchbeschwerden, Schwindel-, Unsicherheits-, Ohnmachtsgefühle, Benommenheit), Kontrollverlustangst und Todesangst. Tritt entweder singulär oder häufig auch in Kombination mit einer Agoraphobie auf.
  • Agoraphobie (ohne und mit Panikstörungen): Bei der Agoraphobie mit Panikstörung tritt zu den beschriebenen Panikattacken die Angst vor Orten hinzu, von denen eine Flucht schwer möglich wäre. Häufiges Auftreten in Verbindung mit Menschenmengen, öffentlichen Verkehrsmitteln oder engen Räumen. Häufig tritt auch die Angst vor dem Alleinsein auf.
  • Generalisierte Angststörung: Patienten leiden unter körperlichen Ausdrucksformen der Angst (z. B. Zittern, Herzrasen, Schwindel, Übelkeit, Muskelverspannungen), Konzentrations- oder Schlafstörungen, Nervosität und anderen psychischen Symptomen. Unterschied zur Panikstörung: Symptome treten nicht kombiniert in Form eines Anfalls, sondern als unterschwelliger Dauerzustand auf. In der Regel können die Patienten die Ursache ihrer Angst nicht artikulieren. Häufig sind auch Sorgen, dass den Patienten selbst oder deren Angehörigen Unfälle zustoßen könnten oder sie erkranken. Typisch sind weiterhin Meta-Sorgen.
  • Soziale Phobie: Ängste vor der Situation, im Mittelpunkt stehen zu müssen (öffentliches Sprechen, z. B. bei Vorgesetzten, bei Behördengängen oder gegenüber dem anderen Geschlecht). Furcht vor peinlichem und/oder ungeschicktem Verhalten und negativer Bewertung.
  • Spezifische (isolierte) Phobie: Vielseitige Phobien auf einzelne, umschriebene Situationen, die sich meist auf Gegebenheiten in der Natur beziehen (z. B. Katzen-, Blut- oder Höhenangst)
  • Angst und depressive Störung, gemischt: Gleichzeitiges Bestehen von Angst und Depression ohne Vorherrschen einer einzelnen Komponente. Die Störung darf nicht so stark ausgeprägt sein, dass die Kriterien einer Angststörung (z. B. Panikattacken) oder einer Depression erfüllt werden.

Ursachen und Risikomerkmale1

  • Ursache wahrscheinlich Kombination aus psychosozialen, genetischen und neurobiologischen Komponenten4
  • Interfamiliär bedeutsam: Vermittlung ungünstiger Denkstile und Fehlannahmen sowie familiäre Temperamentsausprägung => Überschätzung realer Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Gefahren, übermäßiges Sicherheitsdenken und Kontrollbedürfnis sowie eine hohe Sensibilität für „Peinlichkeit“
  • Störungsbilder mit stärksten Hinweisen auf genetischen Einfluss: generalisierte Angst und Panikstörung

Epidemiologie

  • Erstmalige detaillierte und bevölkerungsrepräsentative Beschreibung von Angststörungen im BGS 981
  • Laut DEGS-Zusatzmodul „Psychische Gesundheit“ (erhoben im Auftrag des Robert-Koch-Instituts von September 2009 bis April 2012 vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden) gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten.5
  • Geringfügiger Zuwachs der Fälle der Angststörungen innerhalb von ca. 10 Jahren von 14,2 % auf 15,3 % (Vergleich der Daten des Bundesgesundheitssurveys von 1998 mit denen der DEGS-1 Studie)4
  • In beiden Untersuchungen waren Frauen ca. doppelt so  häufig betroffen wie Männer (BGS: Frauen 19,8 %, Männer 9,2 %; DEGS-1: Frauen 21,3 %, Männer 9,3 %).4
  • Erstmanifestation meist zwischen 20 und 30 Jahren (bei Frauen früher als bei Männern)1
  • Bei ca. der Hälfte der Angststörungen (10,3 %) handelt es sich laut DEGS-1 um spezifische Phobien (Tierangst, Flugangst, Spritzenangst etc.).4
  • Behandlungsraten ca. 50 % (soziale Phobie: 53,5 %;  spezifische Phobien: 45,6 %)6

Diagnose

  • Diagnose der Angststörungen schwierig, da Patienten oft über somatische Beschwerden (Schmerzen, Schlafstörungen etc.) als Leitsymptome klagen7,8  
  • Abklärung im Rahmen der Differenzialdiagnostik:2 
    • Lungenerkrankungen (z. B. Asthma bronchiale, COPD)
    • kardiovaskuläre Erkrankungen (Angina pectoris, Myokardinfarkt, Synkopen, Arrhythmien) 
    • neurologische Erkrankungen (komplex-partielle Anfälle, Migräne, multiple Sklerose, Tumoren etc.)
    • endokrine Störungen (Hypoglykämie, Hyperthyreose, Hyperkaliämie, Hypokalzämie, Phäochromozytom u. a.)
  • Untersuchungen zum Ausschluss einer organischen Ursache, z.B.:2 
    • ausführliche Anamnese
    • körperliche Untersuchung
    • Laboruntersuchungen (Blutzucker, Elektrolyte [Calcium und Kalium], TSH)
    • EKG mit Rhythmusstreifen
    • ggf. Lungenfunktion, kranielle Bildgebung (MRT, CT) oder EEG 
  • Typische Komorbiditäten der Angststörungen: Depression und Substanzabhängigkeit9,10

Behandlung und Therapie2

  • Therapieindikation:
    • mittlerer bis schwerer Leidensdruck
    • psychosoziale Einschränkungen
    • mögliche Komplikationen einer Angsterkrankung (z. B. Suchterkrankung)
  • Hauptziel der therapeutischen Intervention: Verbesserung der Lebensqualität => Reduktion der Angstsymptome, der Panikattacken, des Vermeidungsverhaltens und der Rückfallwahrscheinlichkeit
  • Weitere Zielpunkte:  Erhöhung der Bewegungsfähigkeit, Verbesserung der sozialen Integration und ggf. Wiederherstellung der beruflichen Leistungsfähigkeit
  • Ganzheitliche Behandlung und situationsabhängige Priorisierung bei Komorbiditäten (z. B. Depressionen oder Suchterkrankungen)
  • Exploration im Hinblick auf mögliche Suizidgefahr (ggf. Klinikeinweisung)
  • Einbezug von Angehörigen (durch soziale Komponente der Angststörung)
  • Wichtig ist hier die Schaffung eines Verständnisses für die Symptome des Patienten (z. B. durch Psychoedukation). 
  • Angehörige sollten lernen, Vermeidungsverhalten nicht durch Trost zu fördern, sondern dem entgegenzuwirken.
  • Einbezug von Angehörigen erhöht die Therapietreue des Patienten.
  • Ggf. Kombination aus Psycho- und  Pharmakotherapie in Betracht ziehen3

Quellen

  1. Wittchen HU, Jacobi F; Robert Koch-Institut. Gesundheitsberichterstattung – Themenhefte, Heft 21, Mai 2004: Angststörungen.
  2. Bandelow B et al.; AWMF-Reg.Nr. 051-028. Deutsche S3-Leitlinie. Behandlung von Angststörungen. Stand 15. April 2014, https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-028l_S3_Angstst%C3%B6rungen_2014-05-abgelaufen.pdf
  3. Bandelow B et al. Clinical practice guideline: The diagnosis of and treatment recommendations for anxiety disorders. Dtsch Arztebl Int 2014;111(27–28):473–480
  4. Robert Koch-Institut, Destatis. Gesundheit in Deutschland 2015. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Robert Koch-Institut 2015, Berlin.
  5. Jacobi F et al. Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). Nervenarzt 2014;85(1):77–87
  6. Wittchen HU, Jacobi F. Was sind die häufigsten psychischen Störungen in Deutschland? Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland. Stand 14. Juni 2012, www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0ahUKEwjZuuTKnPzTAhUDL1AKHZmUCy8QFggiMAA&url=http%3A%2F%2Fwww.sopol.at%2Fdocument%2Fdownload%2Fwas-sind-die-haeufigsten-psychischen-stoerungen-in-deutschland&usg=AFQjCNGcRNmAdAKqq_Dy-iH72vTlAbwy7w
  7. Sartorius N et al. 1996: Depression comorbid with anxiety: results from the WHO study on psychological disorders in primary health care. Br J Psychiatry Suppl 1996;30:38–43
  8. Wittchen HU et al. Generalized anxiety and depression in primary care: prevalence, recognition, and management. J Clin Psychiatry 2002;63(Suppl 8):24–34
  9. Hoyer J et al. Generalisierte Angststörung. In: Wittchen HU, Hoyer J (Hrsg.). Klinische Psychologie & Psychotherapie. Berlin, Heidelberg: Springer 2011:937–952
  10. In-Albon T et al. Panik und Agoraphobie. In: Wittchen HU, Hoyer J (Hrsg.). Klinische Psychologie & Psychotherapie. Berlin, Heidelberg: Springer 2011:915–935